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Paulus, Bürger aus Tarsus

  • kathrinreist
  • 13. Apr. 2024
  • 3 Min. Lesezeit

Tarsus? Nie gehört oder gleich wieder vergessen. Erst als ich mich mit meinem Reiseprojekt auseinanderzusetzen begann, rückte Tarsus als Geburtsort von Paulus in mein Blickfeld. Wird es sich lohnen, dorthin zu reisen? So fragte ich mich im Voraus im Stillen. Viel lieber wäre ich nach Antakya, dem antiken Antiochien am Orontes gereist und hätte natürlich auf der Reise dorthin «der Vollständigkeit halber» auch kurz Station in Tarsus gemacht. Antakya - nahe am Libanon gelegen, wichtige christliche Gemeinde aus den Anfangszeiten, landschaftlich interessant. Aber Antakya wurde im vergangenen Jahr durch das heftige Erdbeben im Südosten der Türkei vollständig zerstört und die Menschen dort leben bis heute in Provisorien – so bestätigt uns ein Taxichauffeur aus Adana. Lohnt es sich also, nach Tarsus zu reisen?


Als wir nachts um 10 nach rund 9 Stunden Reise in Tarsus aus einem Regionalzug steigen, duftet es nach dem eben gefallenen Gewitterregen und nach Orangenblüten. Nach der Reise durch den Taurus kommen wir hier im Süden an. Im Finstern holpern wir mit unserem Gepäck durch die verwinkelten Gassen der Altstadt zur einzigen Unterkunft, die verfügbar war. Dort stinkt es nach Zigarettenrauch und im Bad übel nach Abwasser. Henu, wir haben ein Dach über dem Kopf.


Am nächsten Morgen machen wir uns durch die belebten Strassen auf die Suche nach Spuren von Paulus und seinen Zeitgenossen. Dabei stellen wir fest: Tarsus mit seinen rund 350'000 Einwohnern ist eine geschäftige Stadt, Nachbarin der beiden Millionenstädte Adana und Mersin, wo der grösste Hafen der Türkei liegt. Seit der Antike ist Tarsus eine Stadt des Handels, in der fruchtbaren Ebene der Çukurova gelegen, nahe der Kilikischen Pforte, wo die Handelsroute durch den Taurus nach Norden führt.

Das schätzten auch die Römer. Und so war Paulus Bürger dieser bedeutenden römischen Stadt. Das zeigen die Ruinen monumentaler römischer Bauten noch heute: Ein überdimensionierter Hadrianstempel, eine stattliche Brücke, die Thermen, aber auch die freigelegte schmucke Strasse, über die bedeutende Menschen gingen. Tarsus war Ort philosophischer Denker und Lehrer, die nach Tarsus geholt wurden bzw. hier lebten.




Die Bewohner dieser Stadt gehen dem Studium der Philosophie und überhaupt aller verfügbaren Bildung mit so viel Eifer nach, dass sie Athen, Alexandria und alle anderen bekannten Orte übertreffen, wo Schulen sind und Philosophen unterrichten.

Frei nach Strabo (63 v.Ch. bis 23 n. Chr), Geographica, Buch 14, Kap. 5,12-15

 

In diesem Umfeld wuchs Paulus auf! Er war stolz auf seine Herkunft. Er war Jude und römischer Bürger. Er war mehrsprachig, argumentativ geschult und gehörte einer gebildeten Schicht an, die ihn von den meisten neutestamentlichen Autoren abhebt und unterscheidet. Sprachlich und intellektuell ist er ein Weltbürger seiner Zeit.


So stellt sich Paulus auch in Jerusalem vor: 

Als nun Paulus in die Kaserne [in Jerusalem] hineingeführt werden sollte, sagte er zu dem Oberst: Darf ich etwas zu dir sagen? Der erwiderte: Du sprichst Griechisch? Du bist also nicht der Ägypter, der vor einiger Zeit einen Aufstand angezettelt und die viertausend Sikarier in die Wüste hinausgeführt hat? Paulus sagte: Ich bin ein Jude, aus Tarsus in Kilikien, und Bürger dieser nicht unbedeutenden Stadt. Ich bitte dich, gestatte mir, zum Volk zu sprechen. Nachdem er die Erlaubnis erhalten hatte, stellte sich Paulus auf die Stufen der Treppe, und mit einer Handbewegung gebot er dem Volk zu schweigen. Da wurde es still, und er redete sie in ihrer Sprache an und sagte auf Hebräisch: Brüder und Väter, hört, was ich euch jetzt zu meiner Verteidigung sagen werde! Als sie hörten, dass er sie auf Hebräisch ansprach, wurde es totenstill. Und er sprach: Ich bin ein Jude, geboren in Tarsus in Kilikien, aufgewachsen aber hier, in dieser Stadt, wo ich zu Füssen Gamaliels unterwiesen wurde, das Gesetz unserer Väter sorgfältig zu beachten. Ich war voller Eifer für Gott, wie ihr alle es heute noch seid.

 Apostelgeschichte 21,37–22,3, Zürcher Bibel

 

Für mich zweifelhaft sind die Überreste, die auf Paulus selbst hinweisen sollen: Die Ruinen seines Geburtshauses, der Ziehbrunnen davor. Die Paulus gewidmete orthodoxe Kirche wird vom türkischen Staat als Museum verwaltet – eher ein tristes Monument. Aber die römischen Ruinen zusammen mit dem fein gemachten archäologischen Museum und dem kleinen Stadtmuseum in einer alten Medrese erzählen genug. Und schliesslich fahren wir auch noch mit dem Taxi zur Stadt hinaus zum längsten verbliebenen römischen Strassenstück der Türkei, einem Stück der einst wichtigen Handelsroute. Die Via Tauri führt durch eine hügelige, karge, felsdurchsetzte Landschaft, mit Olivenbäumen und stachligen Sträuchern durchsetzt. Mittendrin einsam ein römisches Tor. Ein Hirte zieht mit seiner Ziegenherde an uns vorbei. Dunkle Regenwolken hängen über uns, es duftet herb nach Frühling – vielleicht wie vor 2000 Jahren.



 
 
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