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Das Schwert des Paulus

  • kathrinreist
  • 25. Juni 2024
  • 3 Min. Lesezeit

Mit der Ankunft in Italien haben wir deutlich eine Kulturgrenze überschritten. Nach drei Monaten Reise durch Türkei und Griechenland haben vertraute Bauten und Bilder eine neue Fremdheit erhalten. Sie ist wertvoll, weil sie mir ermöglicht, Vertrautes zu hinterfragen und neu zu verstehen – auch im Blick auf die Kirchen Westeuropas.

So ergeht es mir zum Beispiel mit der bildlichen Darstellung von Paulus. Zur Paulusikonografie gehört in Ost und West die gleiche Frisur: Eine Haarlocke mitten auf seiner Stirnglatze und ein Bart. Mal ist er älter, mal jünger dargestellt. Mal trägt er Schriftrollen in seiner Hand, mal die Bibel. Nun wird mir bewusst, dass ab Italien Paulus fast immer mit einem Schwert dargestellt wird. Das ist mir unsympathisch. Ich verbinde damit Gewalt, ja das Bild eines Apostels, der das Wort der Befreiung mit dem Schwert in die Welt hinausträgt. Auch das Bild des Eiferers, der einst selbst ChristInnen verfolgte, und nun mit dem Wort gleich einem Schwert ficht, taucht bei mir auf. Erstmals wird mir bewusst, wie negativ diese Ikonografie auf mich wirkt.

Paulus hat jedoch weder ChristInnen mit dem Schwert verfolgt noch seine Predigt mit einem Schwertkampf verglichen. Er verbindet mit dem Schwert die Macht des Staates, die durchaus auch tödliche Folgen haben kann (so z.B. Röm 13,1-4). Und hier liegt letztlich auch der Schlüssel zum Paulusbild mit Schwert: Es ist die Darstellung eines Märtyrers, der mit dem Werkzeug abgebildet wird, mit dem er ermordet wurde.


oben von links nach rechts: Duomo Napoli (I), Basilika San Paolo Fuori Le Muro in Rom (I), Paulusdenkmal in Veria (GR)

unten von links nach rechts: Battiserio Ariano in Ravenna (I), Wegkapelle in Stavros (GR), Aussenwand von Agios Nikolaos in Kavala (GR)


Nach seiner Rückkehr nach Jerusalem geriet Paulus in Konflikt mit der jüdischen Gemeinschaft und wurde gefangengenommen. Zwei Jahre verbrachte er dann in römischer Gefangenschaft in Cäsarea, bevor er als Gefangener nach Rom gebracht wurde. Er hatte verlangt als römischer Bürger vom Kaiser persönlich beurteilt zu werden. Die Apostelgeschichte erzählt, wie Paulus in Rom zwei weitere Jahre residierte und mit der jüdischen und der christlichen Gemeinde dort im Austausch stand – seinen Tod erzählt Lukas nicht mehr. Der römische Historiker Tacitus berichtet von dem Brand Roms im Jahr 64 n. Chr., für den Kaiser Nero Schuldige finden musste. Die Folge war eine der frühesten Christenverfolgungen. Die Legende berichtet, dass Paulus im Zuge dieser Verfolgungen vor den Toren Roms mit dem Schwert geköpft wurde.


Paulus’ Kopf soll heute neben dem Kopf des Petrus die Altarreliquie der Lateranbasilika in Rom sein. Sein Grab soll in der Basilika San Paolo Fuori Le Mura liegen. Zu sehen ist da auch die Kette, mit der Paulus in der Zeit seiner römischen Gefangenschaft an einen Soldaten gekettet gewesen sein soll (vgl. Apg 28,16). Was mich aber wirklich freut und berührt: Als ich vor dem Grab des Paulus stehe und meinen Blick nach oben wende, sehe ich direkt hinauf in die Kuppel mit dem Bild Christi. Es ist diese Ausrichtung, die Paulus durch all seine Reisen geleitet und für die er alle Entbehrungen und Härten auf sich genommen hat. Mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und all seiner Kraft hat er Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, und mit ihm den Gott des Lebens verkündigt:


Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis, Not oder Verfolgung? Hunger oder Blösse? Gefahr oder Schwert?

Brief an die römische Gemeinde 8,35, Zürcher Bibel


Kuppel von San Paolo Fuori Le Mura in Rom, Paulus ist links von Christus dargestellt

 
 
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