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Kleines Wandertagebuch

  • kathrinreist
  • 1. Juni 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Rund 70 km legen wir zu Fuss auf der Via Egnatia zurück. Quer durch Felder und Hügel folgen wir dem Weg des Paulus zwischen Philippi und Amphipolis. Wo heute über die geteerte Strasse Autos brettern, weichen wir wo immer möglich auf Feldwege aus. Die ursprüngliche römische Strasse ist hier nur noch im antiken Philippi zu sehen…

 



5. Mai Philippeion

Auf zur Burg auf dem Hügel oberhalb von Philippi. Wir machen eine erste Probewanderung…. Die Wegangaben variieren. Unsere Gastgeberin Elsa empfiehlt uns einen Einstieg ab dem Eingang des Museumsgeländes. Der Besitzer des Devotionalienladens von Lydia berichtet von einem Direktaufstieg. Der Ziegenhirt mit seiner Herde oben am Berg schlängelt sich durch das Buschwerk. Google und Co. zeigen keine Wegspur zum Gipfel. Und genauso sieht sie denn auch aus, als wir nach dem Museumsgelände vom Waldweg hügelwärts abzweigen. Geht es nach links? Oder doch eher nach rechts? Wir suchen… und stehen immer wieder innert Kürze vor stachligem Stechpalmenbuschwerk. Nein, da gehe ich nicht durch! Ist der Weg zugewachsen? Oder folgen wir Tierpfaden? Fast stolpern wir im hohen Gras über eine Schildkröte. Da und dort verschwindet eine Schlange raschelnd im Gebüsch. Meist hören wir sie nur, manchmal sehen wir noch die Schwanzspitze…

Wir kehren um auf den Waldweg am Hügelfuss, gehen weiter und versuchen es nochmals. Vorsichtig folgen wir der neuen Spur. Diesmal kommen wir durch und stehen schliesslich tatsächlich oben bei der Burg, die auf den Vater von Alexander dem Grossen, den Makedonenkönig Philipp zurückgeht. Drei Türme sind noch erhalten, aber so brökelig, dass wir sie nicht betreten. Der Wind weht heftig. Die Sicht ist grossartig: Dort, links hinter dem kleinen Pass liegt Kavala und da unten die Ebene, die wir bald durchqueren wollen. Dahinter liegt der Berg Pangaion, an dessen Fuss die Via Egnatia Richtung Küste führt.

 

7. Mai Lydia – Nikisiani

Der erste richtige Tag auf der Via Egnatia. Mit unserem Gepäck am Rücken ziehen wir los. Statt auf der Strasse wählen wir wo immer möglich einen Feldweg. Es ist fast wie im Seeland. Philippi lag einst am Rand eines Sumpfgebietes. Dieses wurde anfangs des 20. Jh. drainiert. Kanäle durchziehen die fruchtbare Ebene. Überall zwitschert es und immer wieder sind Nachtigallenstimmen dabei.

Unser heutiges Ziel liegt jenseits der Ebene am Fuss des Pangaion. Die Goldvorkommen dieses Bergmassivs waren der Grund, weshalb Philippi, ursprünglich nach einer Quelle «Krinides» genannt, gegründet und gerne auch erobert wurde. Unter anderem von hier kommt also das Gold der Makedonen her, das wir später in den Museen von Pella und Vergina bewundern werden. Die Römer besetzten die Stadt später mit einer Veteranenkolonie.

Schon am ersten Tag machen wir einen Umweg. In Agios Christophoros, dem Dorf am Fuss des Pangaion, gibt es nämlich keine Unterkunft und so steigen wir nach 20 Kilometern noch weitere drei den Hang hoch nach Nikisiani. Wir finden ein sympathisches kleines Bergdorf, ein schönes, neues Gastzimmer und schliesslich auch eine Bar, wo uns ein freundlicher Wirt auftischt, was es hier eigentlich überall gibt: Griechischen Salat, Tsatsiki, Frites, eine lokale Wurst. Die Tage nach Ostern verbringen die Familien zusammen, da wo sie herkommen. An diesem milden Frühlingsabend spielen Kinder auf der Strasse, brausen Jugendliche auf ihren Motorfahrrädern durchs Dorf, Erwachsene sitzen schwatzend auf dem Dorfplatz unter der riesigen Akazie und trinken die hippen Kaffee-Mischgetränke.


8. Mai Nikisiani – Proti

Die nächsten Tage umrunden wir den Pangaion. Der Weg führt weiter über Feldwege, manchmal auch der Strasse entlang und steigt langsam an. Es ist schwül und ich bin schnell völlig schweissgebadet. Als wir im Dorfzentrum von Iliokomi ankommen, werden wir von einer Ladenbesitzerin gegrüsst und spontan mit Wasser und Schoggikuchen beschenkt. Sie schwatzt los, will wissen woher wir sind und erzählt, dass sie ursprünglich aus Bulgarien stammt. Nach den Tagen in den Tourismusdestinationen ist es erfrischend, so natürlich auf Griechisch angesprochen zu werden – auch wenn dabei meine Sprachkenntnisse herausgefordert werden. Wir setzen uns auf den Dorfplatz, bestellen etwas zu trinken, picknicken. Ein junger Mann setzt sich zu uns. Er spricht Englisch und will wissen, wohin wir unterwegs sind, erzählt von seinem Leben in der Metropole Athen, von seiner Sehnsucht zurückzukehren aufs Land und von den Herausforderungen seiner Generation nach der Wirtschaftskrise.

Auf unserer langen Reise fühle ich mich hier in diesem unbekannten griechischen Dorf als Mensch und nicht nur als Touristin wahrgenommen. Deshalb bin ich so gerne zu Fuss unterwegs!

 

9. Mai Proti – Paliokomi

Meine Füsse schmerzen. Seit dem ersten Tag habe ich Blasen an den beiden kleinen Zehen. Der Kaltstart mit täglich 20 Kilometern, 10 kg Gewicht und die Wärme haben ihnen zugesetzt. 20 Kilometer sind es nun einmal zwischen den Unterkünften, die wir finden. Ein Zelt haben wir nicht dabei, ein Maultier auch nicht… und dabei sind wir noch nicht einmal bei der Hälfte der täglichen Wegstrecke der römischen Soldaten! Wieviel haben Paulus und seine Gefährten wohl zurückgelegt? 35 km pro Tag wie der durchschnittliche Fussgänger seiner Zeit? Und wie war wohl ihr Schuhwerk?



Heute sind wir froh um die GPS-Navigation. Ohne dieses Hilfsmittel würden wir den Weg zwischen den Feldern und durch das Buschlabyrinth dazwischen nicht finden. Hie und da bleibt uns nichts anders übrig, als durch die Büsche zu kriechen. Hier sind wir in der Welt der Schlangen und Schildkröten, der Wildschweine, Ziegen und Schafe. Einmal springt ein Reh davon. Ab und zu kreuzen wir einen Landwirt auf einem kleinen Traktor. Die Herdenhunde waren bisher alle friedlich. Nur diejenigen hinter Gittern bellen und knurren uns an.

 

10. Mai Paliokomi – Amphipolis/Stavros

Wir brechen früh auf, denn es ist Regen angesagt. Der Weg führt durch grosse Olivenhaine, Baumgärten mit Mandeln, Baumnüssen, Haselnüssen, Pfirsichen… Nur 10 km sind es heute bis Amphipolis, der einst grossen römischen Stadt. Beim Schlussaufstieg durchs hohe Gras legt der Regen richtig los. Da helfen auch Regenhosen nicht viel. Unsere Schuhe sind pflotschnass… Heute ist kein Tag für die Besichtigung von Ruinen. Nach dem Museum rufen wir ein Taxi und lassen uns nach Stavros 30 km westlich unten am Meer fahren.

 

12. Mai Stavros

Wir erholen uns von den vier Wandertagen. Waschen unsere Wäsche. Schlafen aus. Bester Erholungstipp für müde Pilgerfüsse: warmer Sand und Meerwasser… Im kleinen Fluss, der hier ins Meer fliesst, glitzert Goldsand.

 
 
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