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Mondäne Städte und eine einflussreiche Frau

  • kathrinreist
  • 16. Apr. 2024
  • 3 Min. Lesezeit

Früh am Morgen steigen wir in Tarsus in den Bus Richtung Antalya. Der Küste entlang fahren wir durch die Hügel mit blühenden Baumgärten. Weiter geht es durch eine wilde, bergige Landschaft. Dazwischen plötzlich Dörfer – oder eher ein einziges Treibhäusermeer für die Gurken-, Tomaten- und Bananenkulturen, die hier angebaut werden. Weisse Plastikhäuser, den Hängen auf den Leib geschneidert. Mittendrin ein einsames Minarett. Wieder geht es bergan, immer weiter… bis die Küste wieder breiter wird, die Landwirtschaft mehr und mehr der Tourismuswirtschaft Platz macht und anstelle von Treibhäusern Hotels die Landschaft überziehen.


Nach einer zehnstündigen Reise steigen wir in Manavgat aus und fahren mit dem Taxi nach Side. Am Meer, inmitten von römischen Ruinen, verbringen wir Ende März die ersten wirklich warmen Frühlingstage. In der Ferne leuchten die Bergspitzen noch weiss. Wir tauchen zum ersten Mal ins Wasser. Wie schön es hier ist!



Was heute Ströme von Touristen an die Südküste der Türkei zieht, hatte offensichtlich bereits vor 2000 Jahren seinen Reiz. Bereits über 1000 Jahre besiedelt, liess im 1. Jh. v. Chr. auch die römische Oberschicht hier ihre Villen bauen. Piraterie und Seehandel hatten Side reich gemacht. In der Agora, dem mit Säulenhallen umfassten römischen Marktplatz, wurden Gefangene als Sklaven verkauft. 60'000 Menschen wohnten hier in der Blütezeit der römischen Stadt, wo es auch eine jüdische Gemeinde gab. Das Theater gehörte zu den grössten in der Provinz Asia und war wie die Strassen, Tore und Tempel mit einer Vielzahl von Statuen geschmückt.



Side wetteiferte mit der 60 km westlich gelegenen Stadt Perge um die führende Rolle in der Region. In Perge ging Paulus auf seiner ersten Reise an Land, um auf der Via Sebaste über den Taurus ins pisidische Antiochia zu ziehen. Erst auf der Rückkehr machte er mit seinen Reisegefährten dort länger Station und gründete eine Gemeinde. Bevor er dann nach Antalya hinab- und zurückreiste nach Antiochia am Orontes. (Apg 13,13 f und 14,24 f).


Paulus und seine Gefährten fuhren von Paphos ab und kamen nach Perge in Pamphylien. Dort trennte sich Johannes von ihnen und kehrte nach Jerusalem zurück. Sie aber zogen von Perge weiter und gelangten nach Antiochia in Pisidien. Apg 13,13 f


Perge ist heute eine umfangreiche Ausgrabungsstätte im Hinterland von Antalya, inmitten von Feldern und bewachsenen Hügeln. Reste der stattlichen Türme des Tores, durch das Paulus wohl einst schritt, stehen noch. Besonders schön ist die Prunkstrasse dahinter, die quer durch die Stadt zum Nymphäum, dem Brunnenheiligtum der Stadt, führt. In ihrer Mitte ist durchgehend das Wasserbecken erhalten. Und in den ehemaligen Arkaden erzählen Bodenmosaike von der einstigen Pracht. Unzählige Statuen schmückten die Strasse, die Brunnen und die Wasserspiele. Hier wurde gehandelt, gefeilscht, gespielt und getratscht. Hier fanden auch die Prozessionen durch die Stadt statt zum Heiligtum auf dem Hügel hinter dem Nymphäum.





Hier in Perge begegnen wir Plancia Magna, die rund 70 Jahre nach Paulus, in den Jahren 120 bis 126 n. Chr., eine einflussreiche Persönlichkeit dieser Stadt gewesen sein muss und dem römischen Hochadel angehörte. Gleich zwei Statuen von ihr sind erhalten. Eine davon stand an prominenter Stelle neben dem Hellenistischen Tor in der Gesellschaft von 28 Götterstatuen und Gründervätern. Am Fuss ihrer Statue ist folgende Inschrift zu lesen:

 

Die Tochter des Marcus Plancius Varus und der Stadt, Priesterin der Artemis, die zum dritten Mal Leiterin der Volksversammlung wird, Priesterin der Göttermutter [Kybele/Artemis] und Hauptpriesterin des Augustus für ihr ganzes Leben, Plancia Magna [wird durch diese Statue geehrt von] Marcus Plancius Aleksandros

übersetzt nach der Infotafel im Archäologischen Museum in Antalya


Als Priesterin der Artemis und des Kaiserkultes war sie religös und politisch eine mächtige Frau. Weitere Inschriften erwähnen sie als Stadtmutter im selben Atemzug mit der Stadtpatronin und Göttin Artemis Pergaia. Es scheint, dass der prunkvolle Ausbau des hellenistischen Tores auf ihre Initiative und damit auch auf ihre eigene Kasse zurückging - nicht die des Ehemannes! Kein Wunder, stammte sie doch aus einer illustren und wohlhabenden Familie. Ihre Verwandtschaftsverhältnisse lesen sich wie der Stammbaum eines heutigen Königshauses:

Plancia Magnas Ehemann, Caius Julius Cornutus Tertullus, war römischer Senator, ebenso ihr Bruder Gaius Plancius Magnus. Ihr Vater war Marcus Plancius Varus, ein Prokonsul (in Bithynien unter Vespasian Stifter des Osttores von Nicäa), ihre Mutter Julia, deren Vorfahren aus dem kappadokischen Königshaus (König Archelaus) sowie von Herodes dem Grossen und Mariamne I abstammten…



In den Strassen von Perge schlendern heute ein paar Touristen. Da und dort begegnet uns eine Schildkröte.


Ein grosser Teil der Statuen aus Perge steht heute im Archäologischen Museum in Antalya.

Informationen zu Side und Perge stammen aus: Mark Wilson, Biblical Turkey, A Guide to the Jewish and Christian Sites of Asia Minor, Istanbul 2020/4

 
 
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