Kleines Logbuch
- kathrinreist
- 3. Mai 2024
- 5 Min. Lesezeit

7. April, Marmaris
Mit dem Bus fahren wir von Izmir nach Marmaris hinunter. Die letzte Stunde Richtung Küste führt durch eine gebirgige Gegend. Kurz vor Marmaris windet sich die Strasse in ein Tal hinunter. Ein Dorf liegt da an einem kleinen Golf umgeben von Obstplantagen. Paradiesisch. Aber ich verstehe sofort, weshalb die Reiserouten vor der Erfindung von Auto, Zug oder Flugzeug wenn immer möglich über’s Wasser führten. Der Weg über die Berge muss beschwerlich gewesen sein. Heute ist es gerade umgekehrt. Obwohl sich auch die Schifffahrt stark verändert hat, haben viele Städte am Meer keine Fährverbindungen mehr. Es ist einfacher geworden, auf direktem Weg motorisiert das steile Ufer zu überwinden und zu den Zentren zu gelangen, die vermehrt im Landesinnern liegen.
Während Paulus scheinbar mit Leichtigkeit per Schiff von Insel zu Insel, von Ort zu Ort gelangte, sind wir Anfänger im Umgang mit diesem Verkehrsmittel. In Marmaris haben wir Glück im Unglück. Als wir am Hafen einchecken wollen für die Überfahrt nach Rhodos, erklärt uns der freundliche junge Mann am Schalter nach einer Weile Herumsuchen, dass unsere online gekaufte Fahrkarte bei ihnen nicht gemeldet sei. Das griechische Boot sei ausgebucht. Die nächste Fähre fährt morgen um 8 Uhr… Glücklicherweise sind wir nicht die Einzigen. Nach und nach treffen weitere Passagiere ein, deren Ferienvorfreude sich nach kurzem Hin und Her zur Fassungslosigkeit wandelt. Die türkische Fährgesellschaft handelt schliesslich und stellt ein eigenes Boot zur Verfügung, sodass wir wie vorgesehen noch am selben Abend nach Rhodos übersetzen können. Ab jetzt sind wir in Griechenland unterwegs.

9. April Rhodos
Von Rhodos aus planen wir frühzeitig unsere Reise weiter nach Thessaloniki. Da Zwischensaison ist, werden viele Ziele noch nicht angefahren. Weil es keine direkte Schiffsverbindung nach Thessaloniki gibt, werden wir über Piräus fahren müssen. 550 km Seefahrt… Nach kurzer Beratung im Büro der Blue Star Ferries entscheiden wir, die Reiseroute in Patmos zu unterbrechen und dort ein paar Tage zu bleiben.

20. April, Rhodos
Wind und Regen sind angesagt. Der Regen ist gut für die Insel, der Wind schlecht für die Seefahrt. Um 6 Uhr früh gewittert es. Gut für die Oliven, denke ich. Statt um 8 Uhr soll unser Schiff um 11 ablegen, ich kann mich also nochmals ruhig umdrehen.
«The Sea will be a little bit rough», die See wird etwas rauh sein, sagen die Seeleute, als sie uns beim Einsteigen helfen. Schon im Hafen schwankt das Schiff einigermassen heftig und ich konzentriere mich tapfer auf den Quai vis-à-vis, während ich meine homöopatischen Kügeli lutsche. Die Crew weist die Passagiere an, doch unbedingt so weit hinten wie möglich zu sitzen, da der Katamaran vorne am meisten auf- und abspringen wird in den rollenden Wellen. Schliesslich legt das Schiff ab und wir steuern aus dem schützenden Hafen hinaus auf die offene See. Nun spritzen die Wellen an den Fenstern hoch. Die Passagiere schreien auf. Hinten beginnt ein Kind zu weinen. «Keine Angst, es ist sicher!» - oder sowas Ähnliches meine ich von der Crew zu hören, während sie Papiersäcke und Haushaltpapier in grossen Mengen zu verteilen beginnt… Ich versuche intuitiv, meinen Atem dem Auf und Ab anzupassen und mich der Bewegung hinzugeben. Die Zeit verschwimmt und irgendwann muss auch ich mich über eine erste Tüte beugen. Die Mitglieder der Crew rennen mit immer neuen Tüten und Plastiksäcken hin und her, fächeln den schweissgebadeten Seekranken zu. Das Kind weint immer noch. Irgendwann: Land in Sicht! Ein erster Hafen! Aber… wir sind zurück in Rhodos, dessen Hafen wir vor einer Stunde verlassen haben. Ich habe nicht mitbekommen, dass das Schiff in Simi nicht anlegen konnte und deshalb umkehren musste. «Ephialtis», höre ich eine Griechin neben mir sagen – ein Alptraum…

21. April, Patmos
Diesmal versuchen wir es mit der Fähre. Vom Katamaran haben wir vorläufig genug. Der Wind hat sich gelegt, das Wasser sieht ruhig aus, der Himmel ist blau. Lastwagen fahren einen Container nach dem anderen in den riesigen Bauch der Fähre. Schliesslich legen wir ab. Diesmal habe ich Zeit die nahe türkische Küste zu beobachten und eine Insel nach der anderen zu identifizieren. In Patmos sollen wir um Mitternacht ankommen. Als wir nach einem Zwischenhalt im Hafen von Kos ablegen, geht die Sonne unter. Müde lege ich mich auf eine Bank und schrecke gleich wieder hoch. Die Erschütterung durch den Schiffsmotor ist nichts für meinen Gleichgewichtssinn und meinen gebeutelten Magen… Ich bin froh, als wir mitten in der Nacht an Land kommen.

22. April, Patmos
Von Chora aus schaue ich hinunter auf die Inselwelt. Eigentlich stehe ich auf einer Bergspitze und die Täler ringsum sind voller Wasser. Wie weit ist die nächste Insel entfernt? Für mich ist dies schwer zu schätzen. Aber es ist klar, wenn ich hier wohnen würde, dann möchte ich gerne wissen, wer dort drüben wohnt.

24. April, Thessaloniki
00.05 Uhr soll unsere Fähre in Patmos ablegen. Wieder hat es seit dem Mittag stark gewindet. Der Katamaran ist nicht angekommen. «Die Fähre fährt bis 9 Beaufort», hat unser Gastgeber erklärt, «heute waren es 6». Wer hier lebt, kennt sich aus mit Wasser und Wind. Mit einer halben Stunde Verspätung taucht sie auf, ein leuchtendes Geisterschiff auf dem dunklen Wasser. Diesmal habe ich in der Dorfapotheke Reisetabletten auf der Basis von Ingwer eingekauft. «Sie nützen. Wirklich!», hat mir die Apothekerin versichert. Glücklicherweise hat sie Recht. Ich lege mich auf eine Schiffsbank und versuche zu schlafen. Es ist kalt. Ich fische den Schlafsack aus dem Gepäck und decke mich bis über die Ohren zu, schlafe tatsächlich ein. Am Morgen weckt mich Christian. Wir sind bald da! Es dauert noch 1,5 Stunden bis wir tatsächlich im Hafen von Piräus anlegen, erleichtert, wieder gut an Land gekommen zu sein. Mit der Metro fahren wir quer durch die Stadt zum Bahnhof von Athen und lösen dort die Fahrtkarte nach Thessaloniki.

29. April, Thessaloniki
Die Nacht auf dem Schiff hat Folgen. Ich habe mich erkältet und meine rechte Schulter ist derart verspannt, dass sie schmerzt. «Pavlos Ch. Pavlidis» steht auf dem Schild. Ein junger, sympathischer Mann öffnet die Tür. Ich hätte nicht gedacht, dass ich auf meiner Reise Hilfe von Paulus in der Gestalt eines Osteopathen brauchen sollte…
So verstehe ich unterdessen besser, was zwischen den Zeilen von zwei, drei mageren Sätzen stecken kann wie hier in Apostelgeschichte 21,1-3:
Als es so weit war, dass wir […] in See stachen, fuhren wir auf geradem Kurs nach Kos, tags darauf nach Rhodos und von dort nach Patara; und da wir gerade ein Schiff fanden, das nach Phönizien hinüberfuhr, gingen wir an Bord und stachen in See. Wir sichteten Zypern, liessen es zur Linken, fuhren nach Syrien und legten in Tyrus an, denn hier sollte das Schiff seine Ladung löschen.
Zürcher Bibel


