In der fremden Welt des Kaiserkultes
- kathrinreist
- 1. Mai 2024
- 3 Min. Lesezeit

Mitten in der Millionenstadt Izmir geht mir ein Licht auf. An unserem letzten Tag hier steigen wir in den Untergrund des Marktplatzes des alten Smyrna und werden belohnt. Zum einen finden wir in den überraschend gut erhaltenen unterirdischen Bogengängen eine Quelle, deren lautes Sprudeln einen römischen Wasserkanal zum Leben erweckt. Hier kann ich mir gut vorstellen, wie die HändlerInnen und ihre SklavInnen mit schweren Säcken oder Stoffballen hin- und hereilten, um neue Ware einzulagern oder in den oberen Stock ins Geschäft zu bringen. Da mittendrin begegnet uns ein gewisser Claudios Aristophanes Aurelianus. Seine Statue ist verschwunden, aber der Sockel mit der Ehreninschrift steht noch. Da steht:

ΚΛ•ΑΡΙΣΤΟΦΑΝΗΣ
ΑΥΡΗΛΙΑΝΟΣ
ΝΕΩΚΟΡΟΣ
ΣΕΒΑΣΤΩΝ
Claudios Aristophanes Aurelianus,
der den Titel Tempelhüter
der verehrten Kaiser trägt
Aurelianus wird für seine Dienste im Tempel geehrt. Warum geht mir hier ein Licht auf? Unzählige Male haben wir in den vergangenen Tagen den Begriff Neokoros – Tempelhüter gelesen. Hier klärt uns eine Infotafel auf, dass der Begriff sowohl an Menschen als auch an Städte verliehen werden konnte. Aurelianus war Tempeldiener. Aber auch die Stadt Ephesus wurde Neokoros (Schutzherrin/Tempelhüterin) des Tempels der Artemis genannt. Der Titel konnte nur durch den Kaiser verliehen werden und bedeutete offenbar eine grosse Ehre. Zwischen den Städten herrschte eine Konkurrenz, wer den Titel Neokoros am häufigsten tragen durfte. Und sollte einem Kaiser ein neuer Tempel errichtet werden, bewarben sich die Städte eifrig darum.

In der antiken Stadt Pergamon suchten wir nach dem Tempel des Zeus, wo der berühmte Pergamonaltar herstammt. Aber zuoberst auf dem Stadthügel fanden wir den stattlichen Tempel, der dem Kaiser Trajan gewidmet war. Die Leute aus Pergamon wollten auch seinem Nachfolger Hadrian einen Tempel widmen, doch dieser bat sie in einem Brief, sich doch nicht weiter in Kosten zu stürzen und stattdessen eine Statue von ihm dem Trajan-Tempel hinzuzufügen. Sie hätten doch bereits einige Tempel in ihrer Stadt…
Die Welt der Kaiserverehrung ist mir so fremd, dass ich vieles nicht einfach so verstehe. Paulus wird z.B. immer wieder auf den Verzehr von Götzenopferfleisch angesprochen. Sollten ChristInnen von dem Fleisch essen, das dem Kaiser und anderen Göttern geweiht worden war? Seine Meinung äussert er im Korintherbrief klar und ausführlich:
Speisen haben nichts damit zu tun, wie wir vor Gott dastehen; essen wir sie nicht, geht uns nichts ab, essen wir sie, gewinnen wir nichts.
1. Kor 8,8.
Und doch führt er dann aus, dass eine so freiheitliche Praxis andere ChristInnen verwirren oder gar vor den Kopf stossen könnte – dann wäre es besser auf den Verzehr solchen Fleisches zu verzichten.
Angesichts der Ehrung eines Tempeldieners und der Tempeldichte in den römischen Städten, die wir bis jetzt besucht haben, ahne ich etwas von der Präsenz des öffentlichen Kultes im römischen Alltag. Während in der Zeit des Paulus die Kaiser erst posthum vergöttlicht wurden, wurde ab der Zeit des Domitian (ab 81 n. Chr.) die Verehrung des lebenden Kaisers als Gott erwartet. Dies lehnten ChristInnen klar ab.
Hier in Smyrna führte denn auch die Weigerung des Bischofs Polykarp 155 n. Chr. zu dessen Verbrennung. Sein Prozess wird in den Märtyrerakten ausführlich und anschaulich geschildert:
… sie nahmen ihn zu sich auf den Wagen und suchten ihn, während sie neben ihm saßen, zu überreden mit den Worten: "Was ist es denn Schlimmes, Herr Kaiser [= der Kaiser ist der göttliche Herr, der Kyrios] zu sagen, zu opfern und ähnliches zu tun und so sein Leben zu retten?" Anfangs gab er ihnen keine Antwort; da sie ihn aber nicht in Ruhe ließen, sagte er: "Ich bin nicht gewillt zu tun, was ihr mir ratet". […]
Als er nun vorgeführt wurde, fragte ihn der Prokonsul, ob er Polykarp sei. Er bejahte das, worauf jener ihn bereden wollte [Christus] zu verleugnen und sagte: "Bedenke dein hohes Alter", und anderes derart, wie sie zu sprechen gewohnt sind: "Schwöre beim Glücke des Kaisers! Gehe in dich, sprich: "Weg mit den Gottlosen!" Polykarp aber schaute mit finsterer Miene über die ganze Masse der in der Rennbahn versammelten heidnischen Scharen hin, streckte die Hand gegen sie aus seufzte sah gen Himmel und sprach: "Weg mit, den Gottlosen!" Der Prokonsul aber drang noch mehr in ihn und sprach: "Schwöre und ich gebe dich frei, fluche Christo!" Da entgegnete Polykarp: "Sechsundachtzig Jahre diene ich ihm, und er hat mir nie ein Leid getan; wie könnte ich meinen König und Erlöser lästern?"
Martyrium des heiligen Polykarp, 9f
«Jesus Christus ist der Herr»… Diese klassische Herrenformel, mit der ich mich manchmal schwertue: Hier kommt sie her und hier hat sie meine Sympathie.
Quelle:
https://bkv.unifr.ch/de/works/cpg-1045/versions/martyrium-des-hl-polykarp-bkv/divisions/10 (Zugriff: 10.5.2024)
Nachtrag: Am Ort des berühmten Pergamonaltars wachsen drei mächtige Pinien. Von der einstigen Grösse ist kaum mehr etwas zu sehen. Der berühmte Fries steht heute im Pergamonmuseum in Berlin...






