Im Lykostal, Provinz Asia, im Zentrum des Textilhandels und auf der Spur der ersten ChristInnen
- kathrinreist
- 21. Apr. 2024
- 4 Min. Lesezeit

Hier roch es einst nach Ammoniak…
Eine einfache Steinrinne in Hierapolis und ein Grabmal sind Schlüssel zur Bedeutung der Textilwirtschaft in dieser Gegend.
Von der Südküste der Türkei sind wir mit einem Mietauto über Pässe, quer durch die Berge nach Pamukkale gefahren. Pamukkale selbst ist ein Nest, das in dieser Jahreszeit nach Holzheizungen riecht und nach den Abgasen der Heissluftballone, die jeden Morgen zum Sonnenaufgang in den Himmel steigen. Der Muezzin singt hier besonders sonor – am Ostermorgen hören wir dazu morgens um fünf den Chor der Dorfkatzen und -hunde einstimmen. Der Blick auf die faszinierenden weissen Kalksinterterrassen zieht haufenweise TouristInnen hierher. Insbesondere Asiaten inszenieren vor diesem Hintergrund gerne ihre Hochzeit. Auch wir gehen barfuss über die weissen Terrassen hoch, waten durch die warmen Pfützen und tauchen ins alte Bad. Denn bereits die RömerInnen badeten gerne im Thermalwasser, das oberhalb der Felsen entspringt. Dort lag einst die Stadt Hierapolis, deren Ruinen wir bis zum Einnachten erkunden – so weitläufig sind sie.
Die Steinrinne liegt gleich neben einem der Stadttore von Hierapolis. Wer hier vorbeikam, konnte in der Latrine in die Rinne pinkeln und mit seinem Urin zum Wohlstand der Stadt beitragen. Über Jahrtausende spielte Urin u.a. im textilen Bereich eine wichtige Rolle. Er wurde zur Reinigung der Wolle vom Wollfett, als Verseifungsmittel beim Walken und Filzen, sowie zum Blaufärben mit Indigo verwendet. In der Zeit Vespasians (69-79 n. Chr.) wurde gar eine Urinsteuer eingeführt.
Die Region hier im weiten Tal des Flusses Lykos war bekannt für ihre Textilien. Rund 10 bzw. 20 km südlich von Hierapolis liegen Laodikeia und Kolossae. Die beiden Städte waren berühmt für ihre mit Krapp gefärbte, begehrte purpurfarbene Wolle. Auch wurde hier die schwarze, weiche Wolle ihrer besonderen Schafrasse zu Tuniken und Wollmänteln verarbeitet. Diese waren bei den RömerInnen begehrt. Wie gerne würde ich heute ein Stück dieser schönen Wollstoffe in die Hand nehmen können…. Die Erträge der Filzer und Mantelschneider brachten insbesondere Laodikeia neben ihrer ebenfalls berühmten Augenmedizin solchen Reichtum, dass die Stadt nach einem heftigen Erdbeben im Jahr 60 n. Chr. als einzige der Region die römischen Unterstützungsbeiträge ablehnte und den Wiederaufbau vollumfänglich selbst bezahlte.

In Hierapolis gehen wir durch das Stadttor und kommen zu einem stolzen Grabmal, dessen Inschrift von einem gewissen Flavius Zeuxis erzählt, der wohl vor allem mit den heimischen Textilien handelte. Hier steht nämlich:

Flavius Zeuxis, Handelsmann,
der 72 Mal um (das Kap) Malea nach Italien gesegelt ist,
hat hier für sich und seine Kinder Flavios Theodoros und Flavios Theudas und mit wem immer jene zusammenarbeiten, ein Erinnerungsmal bereitet.
Das Kap Malea liegt an der Spitze der Peloponnes und ist bekannt für seine stürmische See. Wilson hat errechnet, dass der Kaufmann Zeuxis mit seiner Fracht im Schnitt wohl zwei Mal pro Jahr von Hierapolis nach Rom gereist sein musste. Tatsächlich zeugt sein Grab bis heute vom verzweigten Handel jener Zeit und ehrt damit auch die Handwerkskunst seiner Landsleute.
Ob Paulus hier je Station gemacht hat? Wir wissen es nicht. Möglich wäre es. Das Lykostal gehört zur grossen römischen Provinz Asia, in deren Hauptstadt Ephesus Paulus drei Jahre verbrachte. In seinen Briefen werden Mitglieder der jungen christlichen Gemeinden in der Asia immer wieder genannt und gegrüsst. Hier hat er viele interessierte GesprächspartnerInnen gefunden, Gemeindeleben mitorganisiert und Freundschaften geschlossen. Sein persönlichster Brief, der Philemonbrief, richtet sich an Philemon, Apphia und ihren Sohn Archipp. Ihre Familie wird in Kolossae vermutet (nach Phil 1 und Kol 4,17). Paulus bittet für/um Philemons Sklaven Onesimus. Im Brief wird deutlich, dass Philemon und Apphia einer Hausgemeinde vorstanden. Waren auch sie in der Wollverarbeitung tätig?
Paulus schreibt an Philemon:
Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich im Gebet an dich denke, denn ich höre von deiner Liebe und deinem Glauben, die du dem Herrn Jesus und allen Heiligen entgegenbringst.
Philemon 4–5, Zürcher Bibel
Kolossae ist heute ein grosser Hügel, von Kamille und wilder Rauke bewachsen. Rundum Landwirtschaft. Es gibt keine Grabung hier, nur rundum ein paar vereinzelte Ruinen, von Sträuchern überwuchert. Die Stadt fiel im 6. Jh. n. Chr. einem Erdbeben zum Opfer und wurde so zerstört, dass die Bewohner den Ort verliessen.
Umso aufregender ist es für mich, dass wir im benachbarten Laodikeia eine Villa mit zwei Hauskirchen vorfinden. Die ersten richtigen Kirchen gibt es nämlich erst ab dem vierten Jahrhundert, als das Christentum toleriert und dann zur Staatsreligion wurde. Vorher trafen sich Christinnen und Christen in der Synagoge oder dann in Privathäusern…. Hier in Laodikeia könnte ein Freund oder Nachfahre von Philemon und Apphia gelebt haben. Stellte er aus dem aus Hierapolis hergeführten Thermalwasser die berühmte Augensalbe her? Oder eher Wolltuniken und -mäntel, die ein Zeuxis in Rom verkaufte? Konnte er deshalb in seiner Villa einen Raum für die (Haus-) Gemeinde einrichten?
Gleich daneben steht tatsächlich eine der frühesten christlichen Basiliken überhaupt. Sie wurde 313 erbaut und zeugt in ihrer Grösse von der Wichtigkeit Laodikeias und vom gewachsenen Selbstbewusstsein der Christengemeinde. Besonders schön sind die Mosaikböden und das Taufbecken, in das die Täuflinge hinabstiegen.
Hier fand in den Jahren 341-343 die Synode statt, in der der Kanon der Bibel festgelegt wurde. Hier wurde also entschieden welche Bücher in Zukunft dazu gehören sollten. Ihre Auswahl hat bis heute Bestand – nur das Buch der Offenbarung wurde noch hinzugefügt. Aber damit sind wir schon fast 300 Jahre nach Paulus angekommen…
Quellen:
Mark Wilson, Biblical Turkey, A Guide to the Jewish and Christian Sites of Asia Minor, Istanbul 20204



















