Endlich in der Stadt der Epheser!
- kathrinreist
- 29. Apr. 2024
- 3 Min. Lesezeit
Wer in aller Welt wüsste nicht, dass die Stadt der Epheser Schutzherrin des Tempels der grossen Artemis und des vom Himmel gefallenen Bildes ist?
Apostelgeschichte 19,35
Die Stadt Ephesus war eines meiner wichtigsten Reiseziele in der Türkei. Nirgends sonst ist noch eine fast intakte Häuserfassade aus der Antike zu sehen. Die Ruinen des Theaters, der Agora, der Häuser und Tempel reihen sich so aneinander, dass ein lebendiger Eindruck einer römischen Stadt entsteht. Entsprechend gilt Ephesus als DIE Pilgerstätte für kulturinteressierte Touristen. Unsere Reise hat sich längst gelohnt, aber ich bin dennoch gespannt auf unseren Tag in dieser Stadt. Hier hat Paulus drei Jahre (nach Apg 20,31) verbracht und eine frühe christliche Gemeinde entstand in einem philosophisch und religiös interessierten Umfeld.
Nach einem ersten Rundgang durch das Gelände setzen wir uns ins imposante Theater und erleben eine besondere Vorstellung.

Akt 1: Eine indische Touristengruppe tanzt unten auf der «Bühne», der Scena, im Kreis. Sie klatschen und singen fröhlich – und lassen sich dabei filmen.
Akt 2: Eine Gruppe von ca. 50 Jugendlichen strömt schwatzend auf die Tribüne begleitet von LehrerInnen. In der Scena schlägt ein Junge einen Überschlag. Die Schüler johlen. Eine Lehrerin lädt sie ein, zu skandieren: «Türkiye! Türkiye! Türkiye! Tamtamtam» - wie bei einem Fussballspiel. Danach singen sie ein Lied. Wir verstehen: «Izmir» und «Mustafa Kemal». (In Izmir fand 1922 unter der Leitung von M. K. Atatürk der legendäre Befreiungskrieg der Türken gegen die Griechen statt.) Schwatzend und einander neckend verlassen die jungen Menschen danach das Theater wieder. Einige schlagen noch ein Rad zum Abschied.
Akt 3: Eine japanische Frauengruppe betritt mit Sonnenschirmen die Tribüne. Mit modischen Schals und in der angesagten Hut- und Turnschuhmode posieren sie grazös für Fotos. Sie erinnern an eine Pantomimegruppe.
Da passt der Bericht aus der Apostelgeschichte 19,23-40 als vierter Akt gut. Kurz zusammengefasst: Die junge christliche Gemeinde ist den Silberschmieden aus Ephesus ein Dorn im Auge. Sie stellen nämlich für die Pilger, die zum berühmten Artemistempel strömen, kleine Tempelkopien aus Silber her. Offensichtlich ein einträgliches Geschäft. Dieses könnte durch den neuen Glauben an Bedeutung einbüssen und zum Erliegen kommen. Aufgestachelt durch einen gewissen Demetrius strömen die Epheser ins Theater und schleppen auch Reisegefährten von Paulus mit. Die Stimmung ist aufgeheizt. Nach der Rede des Demetrius schreien die Versammelten während 2 Stunden: «Gross ist die Artemis der Epheser! Gross ist die Artemis der Epheser!» Erst dem Stadtschreiber gelingt es mit einer beschwichtigenden Rede, die aufgebrachte Menge zu beruhigen und die Versammlung aufzulösen. Ende der Vorstellung.

Auf den Tempel genau dieser Artemis war ich besonders gespannt. Etwa drei Kilometer ausserhalb der antiken Stadt gelegen, war er mit der gigantischen Figur der Artemis und einem entsprechend eindrücklichen Tempelgebäude einst eines der sieben Weltwunder. Doch heute steht auf dem Tempelgelände nur noch eine einzige Säule. Oben nistet ein Storch. Unten liegen verstreut verbliebene Säulenteile. Ehrlich gesagt: Ich bin enttäuscht.
Am Ende des Tages begegnet uns die berühmte Artemis dann doch noch…. in verwandeltem Kleid: «900 Türkische Lira», verlangt der Wärter in seinem Häuschen am Eingang zum Gelände rund um das Haus der Jungfrau Maria. Hier soll sie fern vom politisch unruhigen Palästina ihre alten Tage verbracht haben, umsorgt vom Jünger Johannes. Eine Kuriosität und gleichzeitig eine lauschige, kleine Pilgerstätte mitten im Wald, die wir nach dem langen, heissen Tag in der antiken Stadt besuchen. 900 Türkische Lira – ca. 24 Fr. Eintritt für zwei Personen! Ich glaube, ich habe mich verhört. Aber nein…
Kurz vor der kleinen Kapelle bittet ein Schild um eine milde Gabe für den Unterhalt, mit dem Hinweis, der gesamte Erlös des Eintrittes fliesse in die Kasse der Stadtverwaltung. Denn ja… diese muss natürlich für die Strasse, das Kassenhäuschen sowie eine Polizeistation mit drei, vier Polizisten aufkommen, die hier postiert sind. Immerhin: Das WC ist gratis – ausdrücklich wird darauf hingewiesen.
Im Schatten eines Olivenbaumes steht eine aus Holz geschnitzte Maria am Wegrand. Ein schönes Bild. Sie bringt mich zum Lächeln: Die Artemis konnten sie nicht halten, die geschäftstüchtigen Epheser. Oder doch? Heute füllt nebst der antiken Stätte die Jungfrau Maria ihre Kasse.
Das gigantische Kultbild der Artemis von Ephesus ist zerstört, es existieren nur noch römische Kopien.
Nachtrag: Fairerweise möchte ich darauf hinweisen, dass die Artemis der Epheser in Kleinasien sehr alte Wurzeln hat. Sie gehen zurück auf die phrygische Göttin Kybele, die hethitische Kubaba (Ostanatolien), ja möglicherweise sogar auf die weibliche Göttin, die in Çatalhöyük (Zentralanatolien) gefunden wurde und aus dem 6. Jahrtausend v. Chr. stammt! Die einwandernden Völker haben die Göttin des Ortes übernommen und mit eigenen Göttervorstellungen ergänzt.
Interessant: In Ephesus fand 431 n. Chr. das dritte ökumenische Konzil statt, welches Maria als Gottesgebärerin definierte.












