Eine Strasse mit langer Geschichte
- kathrinreist
- 30. Mai 2024
- 3 Min. Lesezeit

Am Rand der Stadt Kavala taucht die 2000-jährige Pflästerung auf und führt hoch bis zum Spital. Unbedingt wollte ich ein Stück der Reiseroute von Paulus zu Fuss folgen. Aber nie hätte ich gedacht, dass mich eine Strasse so begeistern könnte.
Die Via Egnatia ist nicht nur ein Dokument römischer Ingenieurskunst. Sie ist eine Route, die Ost und West verbindet und damit während Jahrhunderten zu jenem lebendigen Völkergemisch und Kulturaustausch beitrug, die der Nationalismus und Faschismus des 20. Jahrhunderts tragisch zerstörte.
Eigentlich wollten wir Anfang Mai zu Fuss von Kavala nach Philippi starten – das Wetter machte uns einen Strick durch die Rechnung: 20 km mit einer Regenwarnung war uns doch zu heikel… mit Recht, wie wir am Ende unserer Wanderung noch feststellen sollten. So wichen wir auf den Bus aus. Mitte Mai, zurück in Kavala, wollte ich dieses historische Stück doch noch gehen. Umso mehr als dass gerade hier einer der wenigen originalen Strassenabschnitte der Via Egnatia noch erhalten ist. Und so folgen wir an einem warmen Tag der römischen Strasse und staunen über die solide gesetzten Randsteine, über die Wasserführung und sorgfältig angelegte Kurven. Der Mohn blüht, die hohen Gräser und Olivenbäume leuchten am Strassenrand – eine Idylle – während über die heutige Autostrasse weiter oben am Hang unablässig der Verkehr braust. Aber auch da konnte es einst sehr geschäftig zu und her gehen: Soldaten, Kuriere, Händlerinnen, Bauern, Pilgernde und Reisende aller Art waren hier unterwegs.
Ihren Namen verdankt die Via Egnatia dem ersten römischen Prokonsul von Makedonien: Gnaeus Egnatius. Mit der Eroberung von Makedonien 146 v. Chr. bauten die Römer nämlich die Strasse von Dyrachium (Durrés) an der adriatischen Küste nach Thessaloniki aus. Letztlich konnten sie auf diese Weise ihre Herrschaft sichern. Sie folgten damit einer Handelsroute, die bereits vorher bestand. Auch die Fortsetzung von Thessaloniki bis Konstantionopel geht auf eine alte Route zurück. Herodot nannte sie im 4. Jh. v. Chr. «der königliche Weg», da bereits der Perserkönig Darius als auch später Alexander der Grosse diese Verbindung genutzt hatte. Unter römischer Herrschaft wurde die Via Egnatia nach der Eroberung von Thrakien 148 v. Chr. so fortgesetzt. Unser Weg von Kavala nach Amphipolis ist ein Teil dieses Strassenstückes.

Die Römer waren exzellente Ingenieure und bauten ihre Strassen so solide, dass sie im Verlauf der Zeit mehrfach in Stand gesetzt und viele Strassenstücke über 2000 Jahre genutzt werden konnten. Der Strassenbau wurde von Soldaten, lokalen Anwohnern und einer Vielzahl von Sklaven ausgeführt. Wieviele haben für dieses Bauwerk ihr Leben gelassen… Im 20. Jh. wurden viele Strassenstücke zerstört, um Landwirtschafts-land oder Baumaterial zu gewinnen. Allein der Strassenname Via Egnatia begegnet uns heute noch In vielen Ortschaften.

Während die Strasse in den Städten durchaus 8 Meter breit und mit grossen Marmorplatten (wie z.B. in Philippi oder Edessa) belegt sein konnte, wurden üblicherweise grössere Steine (wie z.B. hier oberhalb Kavala) und in den Bergen Kies verwendet. Ausserhalb der Städte war die Strasse mit 2 bis 3 Metern Breite auch deutlich schmaler. Parallel zur Strasse solle es häufig einen Maultierpfad gegeben haben. Römische Soldaten mussten ihr Material selbst tragen, hatten auf sieben Mann aber ein Maultier zur Verfügung, dem sie ein Teil ihrer Last aufladen konnten.
Das römische Strassennetz garantierte sowohl die Kommunikation (Postnetz!) innerhalb des wachsenden Imperiums, schnelle militärische Interventionen sowie den Handel. Offenbar gab es bereits im 1. Jahrhundert zur Zeit des Paulus ein öffentliches Transportwesen. Die meisten Menschen waren allerdings wie Paulus zu Fuss unterwegs. Ihre Sicherheit wurde mehr und mehr durch eine Strassenpolizei garantiert.
Entlang der Strasse entstand ein Netz von Unterkünften. Ein durchschnittlicher Fussgänger legte in römischer Zeit 35 km pro Tag zurück, Soldaten gar 45 km! Deshalb gab es auch alle 45 km eine grosse Station, wo die Soldaten ausruhen und essen konnten. Reisende fanden hier Bett und Bad, ein gutes Essen, eine Prostituierte und Futter für ein Maultier. Viele solcher Stationen entwickelten sich auf diese Weise zu Städten. Wer nicht so weit gehen konnte, fand unterwegs bescheidenere Unterkünfte. Dieses System blieb weitgehend bis in ottomanische Zeiten hinein erhalten – also bis ins 19. Jh.!
Leider ist es mit den heutigen Unterkünften entlang der Via Egnatia nicht mehr so einfach… denn auch als heutige Reisende bin ich froh, wenn ich wenigstens Bett und Essen nicht selbst schleppen muss. Auf Prostituierte können wir leicht verzichten, aber ein Maultier wäre tatsächlich eine gute Sache, wie wir noch feststellen sollten. Paulus hingegen wird überall mit leichtem Gepäck, mit ein paar Schriftrollen dargestellt. Weder seine Briefe noch die Apostelgeschichte geben viel Auskunft über die Reisebedingungen oder Unterkünfte ausserhalb der Städte. Umso spannender ist es für mich, durch die Landschaft hier unterwegs zu sein und ihre Geschichte und Geschichten zu entdecken, die ihre Spuren hinterlassen haben.
Alle Informationen zur Via Egnatia verdanke ich:
Marietta van Attekum, Holger de Bruin. Via Egnatia on Foot, A journey into history, Part 2 from Thessaloniki into Turkey. Driebergen 2022.














