Ein Märtyrer in Hierapolis
- kathrinreist
- 28. Apr. 2024
- 3 Min. Lesezeit

Nebst der Textilzunft begegnen wir in Hierapolis überraschend einem Mann aus Judäa, der mit Paulus gut bekannt war. Es ist Philippus. Philippus gehört zu den ersten Diakonen, die von der Jerusalemer Gemeinde gewählt wurden, weil den Aposteln die Arbeit über die Ohren wuchs. Es ist gut möglich, dass er selbst Jesus noch gekannt hatte. Später taucht er als als charismatischer Evangelist und Wundertäter in Samaria auf. Auf dem Weg hinunter nach Gaza begegnet er dem äthiopischen Kämmerer, belehrt und tauft ihn. Er soll weiter predigend durch die Städte gezogen sein, bis er sich mit seiner Familie in Cäsarea niedergelassen hat.
Dort, in seinem Haus, ist Paulus am Ende seiner letzten Missionsreise zu Gast. Der Evangelist Lukas berichtet:
Wir […] kamen nach Cäsarea, gingen in das Haus des Evangelisten Philippus, der zu den Sieben [Diakonen] gehörte, und blieben bei ihm. Dieser hatte vier Töchter, prophetisch begabte Jungfrauen.
Ein hellsichtiger Prophet sucht Paulus dort auf und sagt ihm seine Gefangennahme voraus. Seine Reisebegleiter und seine Gastgeber versuchen, ihn von der Weiterreise nach Jerusalem abzubringen. Doch Paulus antwortet:
Was soll es, dass ihr klagt und mir das Herz schwer macht? Ich bin bereit, mich in Jerusalem nicht nur fesseln zu lassen, sondern auch zu sterben für den Namen des Herrn Jesus.
Apostelgeschichte 21,8 f und 13

Es ist tragisch, dass nicht nur Paulus, sondern auch Philippus – und mit ihm viele weitere Christinnen und Christen der folgenden Jahrhunderte – für ihr Bekenntnis einen gewaltsamen Tod sterben sollten. Der Legende nach wurde Philippus als alter Mann während den Christenverfolgungen unter Kaiser Domitian (vgl. die Münze) hier in Hierapolis mit dem Kopf nach unten gekreuzigt und begraben.
Offenbar hatte sich Philippus in Cäsarea nicht zur Ruhe gesetzt, sondern war weiter predigend durch das Schwarzmeergebiet der heutigen Türkei und an deren Westküste gezogen, bis er schliesslich mit zwei seiner Töchter in Hierapolis ansässig wurde.
Es ist die Zeit der mündlichen Überlieferungen. Philippus gehört zu dieser ersten Generation von Aposteln, die aus dem unmittelbaren Umfeld von Jesus und ihren eigenen wunderhaften Erfahrungen berichten und damit die gute Nachricht auf persönliche Weise weiterverbreiten. Es ist die Zeit der Legenden, die neben den gerade erst entstehenden Evangelien verbreitet werden. Ich kann mir gut vorstellen, wie Philippus sich gemeinsam mit seinen prophetischen Töchtern immer und immer wieder über seine Erlebnisse damals in Jerusalem austauschte. Und diese wiederum gaben selbst dessen Berichte hier in Hierapolis nach seinem Tod weiter – wie Papias von Hierapolis berichtet (u.a. gemäss der Kirchengeschichte des Euseb).
2011 wurde hier das Grab des Philippus entdeckt – und nicht nur das… Ein Pilgerweg aus dem 5. Jahrhundert tut sich vor uns auf, als wir an diesem trüben Tag über ausgelaufene Treppenstufen durch die Frühlingswiesen den Hügel am Rand der antiken Stadt hochsteigen. Da gibt es eine Thermenanlage, wo sich die PilgerInnen nach ihrer Anreise reinigen und auf den letzten Anstieg und Höhepunkt vorbereiten konnten. Um das Philippusgrab wurde eine Kirche gebaut. Kranke PilgerInnen konnten in ein Becken tauchen in der Hoffnung auf Heilung – wir sind hier ja am Ort des warmen Quellwassers! Für uns ganz besonders ist die achteckige Kirche, die nochmals eine Stufe höher steht, das Martyrion. Hier soll Philippus gekreuzigt worden sein. Um die Mitte führte einst ein Gang unter acht Bögen hindurch. Sie stehen noch immer – alle acht Bögen - ein Kirchenraum, wenn auch ohne Dach. Wie klangen sie wohl, die Gesänge der PilgerInnen, die hier das Leben und Sterben, die Treue des Philippus bedachten und sich von seiner Stärke ermutigen lassen wollten?
Quellen:
Mark Wilson, Biblical Turkey, A Guide to the Jewish and Christian Sites of Asia Minor, Istanbul 20204
https://bkv.unifr.ch/de/works/cpg-3495/compare/kirchengeschichte-bkv-2/75/histoire-ecclesiastique (Zugriff: 28.4.2024)
https://www.sendbote.com/content/sensationeller-fund-das-grab-des-apostels-philippus (Zugriff: 28.4.2024)
Bild der Münze mit dem Kopf des Kaisers Domitian: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/ba/Rome_Aureus_Domitianus_89.jpg

Blick vom Martyrion in die Weite








