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Ein Gefängnis wird gesprengt

  • kathrinreist
  • 21. Mai 2024
  • 3 Min. Lesezeit

Um Mitternacht knallt es ohrbetäubend. Eine Rakete nach der anderen steigt auf. Das ganze Dorf ist vor der Kirche versammelt. Viele halten eine brennende Kerze in der Hand. «Christos anesti!» ruft der Priester dreimal. «Christus ist auferstanden!» Was er in dieser Osternacht weiter singt, hört im Moment keiner mehr und das ist völlig in Ordnung so. Die Menschen umarmen und küssen sich. «Christos anesti!» So grüssen sie sich auch in den kommenden Tagen weiterhin.

 

Der Gottesdienst der orthodoxen Kirche besteht zum grössten Teil aus einem Wechselgesang von Priester und Chor bzw. einem Sänger. Sie stimmen ein in den himmlischen Engelschor, so kommt es uns vor. Drei Stunden dauern die Gottesdienste, deren Dramaturgie sich uns nicht so einfach erschliesst. Sie erinnert uns an die verwinkelten Gassen und Klöster in Patmos – über Jahre gewachsen und immer weiter ausgebaut.

Über die Festtage sind die Kirchen voll. Jung und Alt, Menschen jeder gesellschaftlichen Schicht und Zugehörigkeit nehmen teil. Sie küssen während dem Gottesdienst die Ikone vorne in der Mitte oder hinten im Raum. Sie zünden Kerzen an. Sie bekreuzigen sich immer wieder. Sie lassen sich vom Priester mit duftendem Wasser bespritzen oder das Abendmahlsbrot in Wein getränkt mit dem Löffel verabreichen. Sie nehmen selbstverständlich an der Karfreitagsprozession durch die Stadt teil. Aber unabhängig davon, ob die Kirche voll oder leer ist: Der Gottesdienst findet statt und das ist das Entscheidende. Später in der Woche nach Ostern kommen wir eines Abends zu einer Dorfkirche. Es singen abwechselnd der Priester und ein Sänger. Die Sigristin geht hin und her. Was wollt ihr da, fragt sie uns streng. Es ist sonst niemand da… Mir bleibt der Eindruck einer sehr selbstbewussten Kirche, die der Kraft der Bilder, des Rituals und des Gesangs vertraut.

 

Bilder aus der Karfreitagsprozession in Kavala


Dieser endlose Gesang und der mitternächtliche Knall kommen mir in den Sinn, als ich später am Ostertag auf dem Marktplatz des antiken Philippi stehe. Gleich daneben soll das Gefängnis liegen, in das Paulus gesperrt wurde. Ähnlich wie später in Ephesus fürchteten in Philippi einige Leute angesichts der christlichen Botschaft um den Verlust ihres Geschäfts – hier um das Geschäft mit einer wahrsagenden Sklavin. Sie schleppen Paulus und Silas, einen seiner Begleiter, vor den Richter mit der Klage:


Gefängnis in Philippi

Diese Leute bringen unsere Stadt durcheinander. Es sind Juden, und sie verkünden Sitten und Bräuche, die wir als Römer weder übernehmen noch beachten dürfen.

Die beiden Männer werden ausgezogen, gegeisselt und ins Gefängnis geworfen. Um Mitternacht beten sie und loben Gott laut singend.

Da gab es auf einmal ein starkes Erdbeben, und die Grundmauern des Gefängnisses wankten; unversehens öffneten sich alle Türen, und allen Gefangenen fielen die Fesseln ab.

Apg 16,20-21.26. Zürcher Bibel


Der Gefängniswärter will sich vor Entsetzen das Leben nehmen. Wir sind alle noch da, beruhigt ihn Paulus und jener lässt sich noch in dieser Nacht mitsamt seiner Familie taufen.

Hier in Philippi wird deutlich: Die Kirche hat ihre Wurzeln im Vertrauen auf diese Mauern sprengende Lebenskraft, die beim Kreuzestod Jesu Gräber und Felsen sprengt und den Vorhang im Tempel zerreisst (so im Matthäusevangelium 27,51 f). Wieweit vertraut sie heute, wenn ihre eigenen Mauern wanken? …ketzerische Frage einer Westeuropäerin. Im orthodoxen Griechenland stellt sie sich offenbar (noch) nicht.

 

Als es Tag geworden war, schickten die Richter der Stadt die Gerichtsdiener vorbei und liessen sagen: Lass jene Männer frei! Der Gefängniswärter richtete es dem Paulus aus: Die Richter haben die Meldung überbringen lassen, dass ihr frei seid. So geht nun und zieht in Frieden! Paulus aber sagte zu ihnen: Ohne Urteilsspruch haben sie uns öffentlich prügeln lassen, obwohl wir römische Bürger sind, und uns ins Gefängnis geworfen. Und jetzt wollen sie uns heimlich fortschicken? Nein! Sie sollen kommen und uns selber hinausgeleiten. Die Gerichtsdiener meldeten diese Worte den Richtern. Die bekamen es mit der Angst zu tun, als sie hörten, dass es sich um römische Bürger handelte. Und sie gingen zu ihnen und redeten ihnen zu, geleiteten sie hinaus und baten sie, aus der Stadt wegzuziehen.

Appstelgeschichte 16,35–39, Zürcher Bibel

 

Bevor sich Paulus und Silas auf den Weg machen südwestwärts Richtung Amphipolis, Apollonia und Thessaloniki, statten sie zum Abschied Lydia einen Besuch ab… Wir folgen in den nächsten Tagen ihrer Route.


Pfeil: Diese Ruine wird als Gefängnis identifiziert.

Kreis: Vor dem Bouleuterion, dem Rathaus am Marktplatz, wurde Paulus dem Richter vorgeführt und gegeisselt.

?: Wo lag das Haus des Gefängniswärters?


Hinweis: Das Bild am Anfang des Textes haben wir im mehrkammrigen Grab in Pella aufgenommen.


 
 
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