Auf der Insel des feurigen Johannes
- kathrinreist
- 15. Mai 2024
- 4 Min. Lesezeit

Es ist kühl und dunkel in der Höhle des Johannes, selbst wenn da ein Lämpchen brennt und dort durch ein kleines Fenster ein Lichtstrahl in den Raum fällt. Hier in dieser düsteren Grotte steigen die Eindrücke der vergangenen Tage in Rhodos plötzlich auf: Helles Licht, weiter Himmel, leuchtendes Meer. Ich bin das Licht der Welt, sagt Christus in Joh 8,12. Und ich verstehe neu, weshalb in vielen Kirchen hier die Ikone mit Christus als Licht der Welt zu sehen ist...
Es dauert eine Weile, bis ich die Kuhle im Felsen entdecke. Hier soll Johannes seine Vision empfangen haben, die aufrüttelnden Bilder, die wir heute im Buch der Offenbarung nachlesen können. (Sie haben das Christentum mehr geprägt als mir dies bisher bewusst war.) Heute ist die Grotte auf der Insel Patmos Teil einer kleinen Kirche und eines Klosters umgeben von einem lichten mediterranen Wald. Ich finde, sie ist ein Ort des Horchens und so zeigt auch eine der Ikonen Johannes als Horchenden in der Höhle mit seinem jungen Schreiber. Wir bleiben einen Moment sitzen – bis der betagte Mönch hinter uns in seiner Ecke so geräuschreich die Silberkette eines Öllichtes zu putzen beginnt, dass wir schliesslich verstehen: Er möchte Mittag essen gehen…

Wer war Johannes? Von sich selbst schreibt er, dass er auf die Insel kam «um des Zeugnisses Jesu willen». Vermutlich wurde er als feuriger Prediger in der Zeit des Kaisers Domitian (81 – 96 n. Chr.) hierher verbannt. War er tatsächlich der Lieblingsjünger Jesu? Floh er aus Palästina nach Ephesus, wie die Legende berichtet? Und reiste er nach seinem Aufenthalt in Patmos nach Ephesus zurück und schrieb dort sein Alterswerk, das Johannesevangelium? Wenn ich die Ikonen richtig deute, verschmelzen alle diese Personen in der Ostkirche zu Johannes dem «Theologos», was eine hochaufgeladene Biografie ergibt.
Paulus kannte Johannes, den Jünger Jesus (vgl. Gal 2,9). Dass sich die beiden später in Ephesus begegnet sind, ist eher unwahrscheinlich. Dass Johannes, der Verfasser der Apokalypse, sich in dieser Gegend auskannte, zeigen hingegen die ersten Kapitel seines Buches. Damit ist er mit Sicherheit dem «Erbe» von Paulus begegnet und offensichtlich mit den Entwicklungen in den Gemeinden nicht glücklich. So richtet der Engel an die Stadt Pergamon die Worte:
Du duldest Leute bei dir, die sich an die Lehre des Bileam halten; der lehrte den Balak, den Israeliten einen Stolperstein in den Weg zu legen: Fleisch sollten sie essen, das den Göttern geweiht war, und sich der Unzucht hingeben.
Johannesoffenbarung 2,14, Zürcher Bibel
Paulus, der solches Fleisch den Christen freistellte, erscheint neben dem wetternden Feuerkopf Johannes geradezu als Freigeist.
Die Offenbarungsgrotte hatte eine so grosse Ausstrahlungskraft, dass es auf der kleinen Insel Patmos mehrere Klöster mit einer sehr langen Geschichte und eine theologische Schule gibt. Eine halbe Fussstunde oberhalb der Offenbarungsgrotte steht inmitten des Dorfes Chora das Johanneskloster. 1088 gegründet, ist es bis heute in Betrieb. Als wir am nächsten Morgen den Klosterhof betreten, wirkt es allerdings ziemlich still und einsam. Mit einem lauten, rhythmischen Klopfen ruft ein Mönch seine Brüder zum Gebet. Eins, zwei, drei Männer kommen aus dem verwinkelten Gebäude die Treppe herunter. Dabei bleibt es aber auch. Sie schliessen die Türe zum Gottesdienstraum hinter sich – offensichtlich keine Einladung für Fremde. Ein paar Kerzen flammen auf, wir hören Gemurmel und gehen leise durch die stillen Gänge und Treppen. «Das Museum öffnet heute nicht», teilt uns ein Abwart(?) mit, als wir ihn danach fragen. «Der Katamaran kommt heute nicht und der Mann mit dem Schlüssel deshalb ebenfalls nicht.» Schade, heute Nacht fährt unsere Fähre…
Wir gehen weiter durch das verwinkelte Dorf Chora. Alle Häuser sind weiss, die Türen hellblau, es gibt keine Strassennamen. Wie orientieren sich die Menschen hier wohl? An einem Feigenbaum oder einer einsamen Pinie? An den Rosen, die in einem Garten blühen? An einer besonderen Treppe? An einem Kirchlein? Wir steigen durch die Gässlein auf der anderen Bergseite hinunter zum Verkündigungskloster.

Auch dieses scheint für uns verschlossen zu bleiben. Aber diesmal haben wir Glück. Ein Mann fährt mit einem Cheep vor. Auf unsere Frage nach dem Eingang ruft er quer durch den Garten nach einer Nonne und so finden wir unseren Weg ums Gebäude herum doch noch. Was für eine andere Welt erwartet uns da! Anders als auf dem Berg steht hier nicht ein karges, einsames Kloster. Hier ist der Garten Eden! Bäume, Blumen, eine Pergola, darunter Bänke und Tische, die zum Verweilen einladen. Eine von Kopf bis Fuss schwarz gewandete Nonne winkt mir zu und zeigt uns den Weg in die Kirche. Da herrscht ein emsiges Putzen, eine schöne Geschäftigkeit. In zwei Wochen ist Ostern – dieses Jahr am 5. Mai – und offenbar wird da die Kirche von oben bis unten herausgeputzt. Die Kirche ist farbig und ganz ausgemalt. Eine der Tätigkeiten der Schwestern hier ist die Ikonenmalerei. Wir schauen und schauen. Es ist ein menschenfreundlicher Ort. «Wenn ich ein Kloster wählen dürfte, ich würde auf jeden Fall in dieses hier eintreten wollen», meint Christian. Welch verschiedene Theologien und Kulturen haben sich doch in der Nachfolge des Wanderpredigers aus Nazareth entwickelt!









